Der Bürger, mündig und real!

Von Kleber Cruz

Demokratische Gesellschaften leben von der Partizipation der Bürger, das heißt von Bürgern, die tradierte Meinungen hinterfragen, ihre Ansichten äußern, das eigene Leben gestalten und dafür auch die Verantwortung übernehmen. Für den Fortbestand unserer Demokratie sind solche Bürger-Eigenschaften von Nöten, kein Obrigkeitsgläubigkeit und keine Ohnmachtsgefühle, sondern Partizipation und Auseinandersetzungen brauchen wir. Wenn ich bei den Produzentenorganisationen unterwegs bin, wird mir immer deutlicher und klarer, dass die Erfolge des Fairen Handels nicht darin bestehen, dass ein Bauer mehr Geld bekommt, wie so oft erwartet wird. Nein, die wichtigste Veränderung, die durch den fairen Handel herbeigeführt wurde, ist nicht ökonomischer Natur, sondern ist in erster Linie die Befähigung der Bauern, ihre Rechte in und durch ihre Organisationen durchzusetzen. Bauern, die gerade noch lesen und schreiben können, erheben ihre Stimme und verschaffen sich Gehör. Das ist ein Erfolg des Fairen Handels, der länger als „Mehr Geld“ anhalten wird! Wir reden von mündigen Bürgern, oder zumindest von dem Versuch des fairen Handels, also von jedem von uns Aktiven im Fairen Handel, aus quasi entrechteten Menschen mündigen Bürger zu machen.

Wie ist aber um die Mündigkeit in unserer deutschen Informationsgesellschaft bestellt? In Laufe der Zeit hat sich bei mir den Eindruck verfestigt, dass unsere politische Klasse bestrebt ist, uns in der Unmündigkeit versinken zu lassen. Allerdings ist auch wahr, dass dazu zwei gehören: Einer, der es macht und ein Anderer, der es mit sich machen lässt.

Wir sind uns auch einig, dass die Menschen in Deutschland es schwer haben, das Ideal des mündigen Bürger zu erreichen. Zunächst ist da die Fülle an Informationen, die auf uns gewaltig und mit hoher Geschwindigkeit einströmen und die von dem Einzelnen in ihrer Komplexität kaum zu verdauen ist. Wir können nicht alles in einem rasanten Tempo so verinnerlichen, dass wir unseren Alltag durch neue Erkenntnisse anders gestalten können. Wir sind uns auch einig darüber, dass wir uns mit bestimmten Themen nicht auseinandersetzen wollen. Viele von uns interessieren sich nur für gesunde Ernährung, oder saubere Energie, oder Klimawandel, Integration und Inklusion, Umweltschutz. Für diese Themen gehen wir sogar auf die Strasse und fordern den Staatsgewalt heraus. Wutbürger sind Beispiele dafür. Mode, „Schuhe“ oder Fußball sind Themen, die Emotionen bei uns auch kochen lassen. Wir werden zu Feuer und Flamme. Mit anderen Wörten:  Wir interessieren uns  nur für bestimmten Bereiche unseres Lebens. Über diese Bereiche lassen wir uns bis ins Details informieren und richten unser sterbliches Dasein nach diesen Informationen. Auf diesen Gebieten verhalten wir uns wie mündige Bürger. Ich würde das den „bereichsbezogen mündigen Bürger“ nennen  super Name!

Vertreter der Stadtspartnerschaft Solingen - Matagalga - Thies - Tarragona in Solingen Nov 2014
Vertreter der Stadtspartnerschaft Solingen – Matagalga – Thies – Tarragona in Solingen Nov 2014. Thema: Klimawandel

Was ist aber mit dem anderen Teil von uns, also dort wo unsere Mündigkeit zugunsten geistiger Bequemlichkeit geopfert wird? Dort wohnt die Antithese des mündigen Bürger, also der unmündige Bürger, die Politik nennt ihn Real-Bürger. Das ist eine interessante Sichtweise, denn das Gegenteil von real ist irreal. Wenn real der unmündige Bürger ist, dann ist irreal der mündige Bürger. Der mündige Bürger ist für die Politik also inexistent.

Der Realbürger hinterfragt nichts, er äußert sich auch nicht, er hat auch keine Meinung und überträgt die Verantwortung über die Gestaltung des eigenen Lebensabschnittes an obere Instanzen. Der Realbürger schwimmt mit der Strömung, nie dagegen, er akzeptiert alles ohne Wenn und Aber.

Die Grenzen zwischen diesen beiden Persönlichkeiten in uns sind sehr fließend und manchmal auch konfliktreich. Das beste Beispiel für dieses widersprüchlichen „Zusammenleben“ sind für mich die „Bio-Apostel“, also jene Überzeugungstäter, die ausschließlich Bio-Produkte verbrauchen. Sie kaufen nichts als Bio und vertrauen dabei blind irgendeinem Siegel auf der Packung. Manchmal wenn ich an der Kasse eines Supermarkts bin, eine Plastiktüte kaufe um meine Lebensmittel nach Hause tragen zu können, und zufällig einen von diesen Bio-Aposteln treffe, dann wird mir ein bestimmter mentaler Zustand unserer Gesellschaft bewusst: Der Bio-Apostel zeigt auf mich Todsünder (mortal y pecador) mit erhobenem Zeigefinger und guckt dabei auf meine Plastiktüte mit allem seinem ökologischem Hass, der seine noble Mission herbergen kann. In seinem Blick spüre ich meine „Schuld“ an dem Versagen der unzähligen Klimakonferenzen von Kioto bis die letzten Versuche in Lima. „Wegen deiner Plastiktüte klappt nichts“ will er mir sagen. Also meine Plastiktüte ist das Problem. Resigniert und mit schlechtem Gewissen (schlechtes Gewissen machen: Das können diese Apostel sehr gut!) nehme ich mein Fahrrad und versuche mir einen Weg durch unzählige Autos zu verschaffen. In der Zwischenzeit ist der Bio-Apostel in seinen Auto eingestiegen, fährt gehorsam und schmerzfrei zu Aral- oder BP- oder Shell-Tankstelle, tankt Benzin und fährt xxx Kilometer Richtung Daheim oder zur Arbeit oder in Urlaub, wohlwissend dass er nicht nur die Umwelt verschmutzt, sondern auch fossile Energie verbraucht, den größten Klimakiller überhaupt. Wenn ich ihn bei nächstem Mal darauf ansprechen, sagt er kaltblutig: Ach immer die gleiche Leier, das Argument zählt nicht!! Schizophren, oder? Aber so sind wir!

Die Bundesregierung glaubt nicht an den mündigen Verbraucher. Der Bundesjustizminister Heiko Mas (SPD) findet es ein schönes Ideal, das mit der Realität nicht zu tun hat. Für ihn ist ein Verbraucher, der Tatsachen hinterfragt, sich Gedanken über seinen Konsum macht, nicht existent. Es ist ein wünschenswertes Ziel, aber „realitätsfern“. Stattdessen stellt er den „realen Verbraucher“ in den Vordergrund und richtet seine Verbraucherschutzpolitik nach diesem Muster aus. Der Trottel in uns als Leitbild der Politik  Super!

Was erwarten die Produzentenorganisationen von uns Bürger aus dem Norden? Wie kann das sein, dass wir uns dafür einsetzen, dass sie mündigen Bürger werden und wir hier dabei sind, unsere Mündigkeit zu opfern? Welche Rolle spielen dabei die verschiedenen Siegel?

Diese Fragen habe ich mit zwei Vertreter von Produzentenorganisationen diskutiert. Seine Kommentare erscheinen in den nächsten Beitrag

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